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Kaiser Wilhelm I

Th. Vulpinus

1. Du tratst auf des Jahrhunderts Schwelle, ein zartes Kind an
Mutterhand. Noch leuchtete mit matter Helle das Abendrot dem deut-
schen Land. Da kam die Nacht herangezogen, die grimmen Sturm im
Schoße trug; die Engel des Gerichtes flogen, und Preußens schwerste
Stunde schlug.

2. Du sahst das schreitende Verderben, ein Knabe noch, die deutsche
Schmach, du sahst die edle Mutter sterben, der Deutschlands Not das
Herze brach. Doch als zuletzt nach Wettergrauen empor der neue
Morgen stieg, da durftest du beglückt auch schauen als Jüngling deines
Volkes Sieg!

3. Dem Siege folgte das Erstarren: statt deutschen Reichs der
„deutsche Bund“! Wir wurden zu Europas Narren und bargen zag-
haft unser Pfund. Wer wird das deutsche Recht erstreiten? Wo strahlt
uns noch ein Hoffnungslicht? Du sahst die Qual der öden Zeiten
ein Leben lang und zagtest nicht!

4. Als spät zur gottgewollten Stunde der Stab der Herrschaft dir
verliehn, flog zum Kyffhäuser frohe Kunde: „Die Zeit ist reif! Der
Tag erschien!“ Im Schlachtenwetter uns verjüngend, hast du zum
Staunen aller Welt, mit edlem Heldenblut ihn düngend, den deutschen
Acker neu bestellt! -

5. So lange deutsche Herzen schlagen und frei der Rhein die
Nordsee sucht, wird man von Kaiser Wilhelm sagen und preisen seines
Lebens Frucht. Was er mit schlichtem Mut errungen, soll stehen bleiben
felsengleich; die Alten schwören’s und die Jungen: Hie Gott der Herr
und Deutsches Reich!

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