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Rheinweinlied

L. Hölty. 1775

1. Ein Leben wie im Paradies gewährt uns Vater Rhein; ich geb
es zu, ein Kuß ist süß, doch süßer ist der Wein! Ich bin so fröhlich
wie ein Reh, das um die Quelle tanzt, wenn ich den lieben Schenktisch
seh und Gläser drauf gepflanzt.

2. Was kümmert mich die ganze Welt, wenn’s liebe Gläschen winkt,
und Traubensaft, der mir gefällt, an meiner Lippe blinkt? Dann trink
ich, wie ein Götterkind, die vollen Flaschen leer, daß Glut mir durch
die Adern rinnt, und fordre taumelnd mehr.

3. Die Erde wär ein Jammerthal voll Grillenfang und Gicht,
wüchs’ uns zur Lindrung unsrer Qual der edle Rheinwein nicht. Der
hebt den Bettler auf den Thron, schafft Erd und Himmel um und
zaubert jeden Erdensohn stracks ins Elysium.

4. Er ist die wahre Panacee, verjüngt des Alten Blut, verscheuchet
Hirn= und Magenweh, und was er weiter thut! Drum lebe das gelobte
Land, das uns den Wein erzog! Der Winzer, er ihn pflanzt’ und
band, der Winzer lebe hoch!

5. Und jeder schönen Winzerin, die uns die Trauben las, weih
ich, als meiner Königin, dies volle Deckelglas. Es lebe jeder deutsche
Mann, der seinen Rheinwein trinkt, so lang er’s Kelchglas halten kann
und dann zu Boden sinkt!

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